Call for Papers

zum 8. Studierendenkongress der Komparatistik in Berlin

Vom 9. bis zum 11.06.2017 wird an der FU Berlin der 8. Studierendenkongress der Komparatistik stattfinden. Der Kongress steht in der Tradition des Austauschs und der Zusammenarbeit von Studierenden und Promovierenden aus dem deutschen Sprachraum, sodass sich dieser Call for Papers sowohl an Studierende der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft als auch die angrenzender Philologien wendet, um junge Geisteswissenschaftler*innen aller Disziplinen zusammen zu bringen.

Das Thema des diesjährigen Kongresses, „Literatur und Ritual,“ bietet vielerlei Möglichkeiten für eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit. Der Ritus, der ursprünglich einen exakt regulierten religiösen Brauch bezeichnet, ist in der heutigen Sprachverwendung des „Rituals“ wenig mehr als eine Wiederholungshandlung. Das Ritual bezeichnet die Unveränderlichkeit menschlicher Bedeutungsstrukturen, die dennoch das Potential zur Veränderung in sich tragen. Sowohl die strenge Befolgung des Rituals wie eine Abweichung von ihm kann einen individuellen wie gesellschaftlichen Paradigmenwechsel bewirken. Solche (Un-)Ordnungen werden seit Jahrtausenden von Menschen geschaffen und sind von ihrem traditionell religiösen Kontext sukzessive auf politische, künstlerische, ethnische und soziale Systeme überhaupt übertragen worden, in denen sie für unterschiedlichste Konstellationen figuriert und instrumentalisiert werden, bspw. innerhalb machtpolitischer Zusammenhänge oder gesellschaftlicher Zugehörigkeitspraktiken.

Das Ergründen dieser verschiedenen Funktionalitäten, wie sie in der Literatur zutage treten, das Begreifen von Literatur selbst als rituelle Struktur und ihrem zugleich transgressiven Potential sollen im Kongress als Schirmthemen wegweisend sein.

Literatur als rituelle Handlung

Literatur selbst funktioniert rituell. Die Rezeption von Literatur ist konventionalisiert, ihre Produktion gleichermaßen. Sie folgen Ordnungen, die ein tieferes Verständnis befördern, aber auch hemmen können. Ritual und Literatur stellen, wie Wolfgang Braungart schreibt, gleichermaßen symbolische Bedeutungsordnungen dar und können ästhetisch wie semantisch Konformität und Abweichung hervorheben.

Ausgehend von diesen Überlegungen möchten wir dazu einladen, Literatur als eine solche symbolische Bedeutungsordnung zu untersuchen und zu problematisieren. Was passiert beispielsweise, wenn Rezeptions- und Produktionsrituale in literarischen (Arbeits-)Tagebüchern aufeinandertreffen? Sind diese Rituale gar als Konstituenten jedes Textes zu begreifen? Welche Möglichkeiten der Sinnkonstitution bergen noch unritualisierte Textformen oder bereits überritualisierte Werke des Kanons? Haben literarische Motive oder literaturtheoretische Methoden als Rituale ebenfalls Einzug in unser Denken gehalten? Sind Gattungszuordnungen, binäre Strukturen, dekonstruktivistische Methoden oder ästhetische Urteile ebenso rituelle Praktiken, die den Text oder das Werk nicht bereits ohne ein Ergebnis denken können?

Ritual als literarisches Motiv

Dem Verständnis von Literatur als einem Ritual stehen die Rituale, die in der Literatur dargestellt werden, gegenüber. Aus dem engen ursprünglichen Begriff des Rituals, der im europäischen Raum zunächst nur die schriftlich fixierte römisch-katholische Liturgie bezeichnete, entstanden im Laufe der Zeit immer offenere Definitionen. Im Kolonialismus wird der Begriff des Rituals zunächst zur Bezeichnungs- und Beschreibungsschablone für fremde religiöse Praktiken und findet so Einzug in Reiseerzählungen und ethnographische Berichte, um sich im postkolonialen Diskurs terminologisch zu etablieren.

Rituale spielen indessen natürlich auch in der westlichen, respektive christlichen Kultur eine Rolle und werden insbesondere in der (Heimat-)Literatur dargestellt. Es stellt sich die Frage, wie diese sich angesichts einer zunehmenden Profanisierung unserer Gesellschaft transformiert. Von Interesse kann sein, welche unterschiedlichen Darstellungsmodi westliches/europäisches Schreiben für die eigenen Rituale und diejenigen, zu denen der Zugang eigentlich verwehrt bleibt, findet. Stehen die Rituale dem Verständnis fremder Kulturen im Weg, oder kreieren sie auch Spannungsmomente, die das Potential haben, Machtverhältnisse in Frage zu stellen? Positioniert sich das Individuum in der Konfrontation mit dem Ritual immer schon innerhalb des Spannungsverhältnisses zum Kollektiv oder verschafft es sich einen eigenen subjektiven Zugang affektiver, politischer oder ästhetischer Natur?

Ritual und/als Transgression

Nach Arnold Gennep stellen Rituale einen Übergang von einem Zustand in einen anderen dar und sind deshalb um einen dritten Zustand, den Schwellenzustand, der einem Nicht-Ort gleichkommt, erweitert. Demnach schafft das Ritual etwas Neues, einen zwischenweltlichen Zustand; die Teilnahme an einem solchen verhandelt Gruppenzugehörigkeiten, deren Status nicht eindeutig oder von Dauer sein muss. Mikrorituelle Handlungen sind ebenso Angelpunkte für Fremderfahrung und damit für die Verhandlung von Raum-, Zeit- und Gemeinschaftsfragen, von denen Sujets wie Identität und Ethik nicht unberührt bleiben. Daran schließen sich Fragen nach den Erzähltechniken und Sprechweisen bspw. im Kontext epischer bzw. lyrischer Texte an. Weiterhin bietet der Kontrast der unveränderlichen Ritualstruktur zu einem transgressiven Zustand innerhalb des Rituals, Gelegenheit, über ihre gegenseitige Bedingtheit nachzudenken.

Die komparatistische Arbeitsweise eignet sich schließlich als Schlüssel zur Identifizierung und Überwindung ritualisierter Grenzen im Rahmen der Komparatistik und darüber hinaus. In diesem Sinne möchte der vorliegende Call for Papers neben den hier angedeuteten zu einer Vielzahl weiterer Herangehensweisen anregen.

Formalia

Wer sich für den SKK 2017 in Berlin mit einem Vortrag im Umfang von ca. 20 Minuten in deutscher oder englischer Sprache bewerben möchte, sendet bitte Folgendes bis zum 28.02.17 an papers@skk17.de:

  • Vorläufiger Titel des Beitrags
  • Ein ca. 300 Wörter umfassendes Abstract als PDF
  • Eine Auswahlbibliographie
  • Angaben zur Person in einem weiteren PDF

Bitte beachten: Die eingereichten Vorschläge können auf bereits bestehenden Studien- und Forschungsarbeiten aufbauen, müssen es aber nicht. Die Angaben zur Person werden für die spätere Einordnung der Vorträge verwendet, die Auswahl geschieht allerdings anonymisiert. Kosten für Anreise und Übernachtung können nicht übernommen werden, dafür werden allerdings private Übernachtungsmöglichkeiten angeboten. 

Unser Poster

SKK17 in Berlin